Manchmal braucht es nicht viel.
Ein falscher Blick.
Eine Frage im falschen Moment.
Jemand steht dir im Weg.
Ein Kollege möchte etwas von dir.
Der Partner sagt einen Satz, der eigentlich vollkommen harmlos sein könnte.
Und trotzdem merkst du innerhalb weniger Sekunden:
Die Temperatur steigt.
Nicht ein bisschen.
Sondern sofort.
Vielleicht versuchst du, dich zusammenzureißen. Ruhiger zu werden. Anders zu reagieren. Tief durchzuatmen.
Doch irgendwann passiert es wieder.
Genau an diesem Punkt interessiert mich eine andere Frage:
Was, wenn die Wut gar nicht das eigentliche Problem ist?
Vor einiger Zeit kam eine Klientin zu mir, deren Alltag von genau diesem Zustand geprägt war.
Schon morgens konnten Kleinigkeiten in ihrer Wohnung ausreichen, um sie aufzuregen.
Danach ging sie aus der Wohnung und begegnete ihren Nachbarn.
Stand jemand mit ihr im Aufzug, ging ihr Blick nach unten. Ihr Gesicht wurde hart. Gespräche vermied sie.
Es wirkte, als wäre sie permanent auf der Hut.
Auch bei der Arbeit änderte sich daran wenig.
Ein bestimmter Blick.
Eine Frage.
Eine Bitte.
Dinge, die andere Menschen vielleicht gar nicht weiter beschäftigt hätten, lösten bei ihr sofort etwas aus.
Das Entscheidende war für mich deshalb nicht die einzelne Situation.
Es war die permanente Grundspannung dahinter.
Natürlich könnte man jetzt am Verhalten arbeiten.
Mehr Geduld.
Entspannung.
Atemübungen.
Eine andere Reaktion trainieren.
Und all diese Dinge können ihre Berechtigung haben.
Mich interessiert in meiner Arbeit allerdings noch eine andere Ebene.
Denn wenn ein Mensch immer wieder auf völlig unterschiedliche Situationen mit derselben starken inneren Reaktion antwortet, möchte ich wissen:
Was reagiert hier eigentlich?
Nicht nur:
Was ist gerade passiert?
Sondern:
Warum besitzt das, was gerade passiert ist, überhaupt so viel Kraft?
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Stell dir einen Rauchmelder vor.
Er beginnt zu piepen.
Du könntest jetzt versuchen, das Geräusch auszuschalten.
Batterie raus.
Ruhe.
Nur sagt dir das noch nichts darüber, weshalb der Rauchmelder überhaupt angesprungen ist.
Ähnlich betrachte ich bestimmte emotionale Reaktionen.
Ein Kollege kann der Auslöser sein.
Der Partner kann der Auslöser sein.
Der Nachbar kann der Auslöser sein.
Aber der Mensch vor dir muss deshalb noch lange nicht die Ursache dessen sein, was in dir passiert.
Genau deshalb schaue ich nicht nur auf den Moment, in dem jemand wütend wird.
Ich möchte verstehen, was darunterliegt.
In der gemeinsamen Arbeit mit meiner Klientin nahm ich etwas wahr, womit sie selbst nicht gerechnet hatte.
Auf der Ebene, auf der ich arbeite und die ich als Seelenfeld bezeichne, zeigte sich für mich eine Struktur, die sich wie ein alter Schwur von Vergeltung darstellte.
Damit verbunden war eine starke Wachsamkeit.
Die innere Haltung dahinter könnte man vereinfacht beschreiben als:
Ich darf nie wieder unvorbereitet sein.
Ich darf nie wieder wehrlos sein.
Ich muss wachsam bleiben.
Diese Wahrnehmung ordnete sich für mich einem tiefen Verlust einer ihr nahestehenden Freundin zu.
Das ist wichtig: Ich beschreibe hier meine Wahrnehmung innerhalb meiner Arbeit und kein wissenschaftlich oder medizinisch festgestelltes Erklärungsmodell für Wut oder psychische Beschwerden.
Für die gemeinsame Arbeit war diese Ebene jedoch entscheidend.
Denn plötzlich ergab ihre permanente Wachsamkeit ein anderes Bild.
Was passiert mit deinem Alltag, wenn ein Teil in dir permanent auf Bedrohung eingestellt ist?
Dann kann ein neutraler Blick plötzlich anders wirken.
Eine harmlose Frage bekommt eine andere Bedeutung.
Die Anwesenheit eines fremden Menschen kann unangenehm werden.
Nicht unbedingt, weil diese Menschen tatsächlich etwas gegen dich haben.
Sondern weil dein eigenes System bereits auf Empfang steht.
Das erklärt auch, weshalb ich bei hartnäckigen Themen nicht ausschließlich versuche, das sichtbare Verhalten zu verändern.
Denn wenn darunter weiterhin dieselbe Grundspannung läuft, muss der Mensch permanent gegen etwas ankämpfen.
Du kannst sehr viel über dich wissen.
Du kannst Bücher lesen.
Seminare besuchen.
Dich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen.
Du kannst dir jeden Morgen sagen, dass du heute gelassener reagieren möchtest.
Und trotzdem drückt jemand irgendwann den richtigen Knopf – und du bist wieder mittendrin.
Das bedeutet nicht automatisch, dass deine bisherige Arbeit sinnlos war.
Aber möglicherweise hast du bisher auf einer anderen Ebene angesetzt.
Genau deshalb arbeite ich mit dem Bild von Körper, Geist und Seele.
Wir können auf unseren Körper Einfluss nehmen.
Wir können mit unseren Gedanken und unserem Verhalten arbeiten.
Und in meiner Arbeit beziehe ich zusätzlich die Ebene mit ein, die ich als Seele beziehungsweise Seelenfeld beschreibe.
Denn meine Erfahrung ist:
Manche Themen verändern sich erst dann grundlegend, wenn wir dort hinschauen, wo wir ihren Ursprung wahrnehmen.
Die Arbeit mit dieser Klientin war nicht einfach.
Es gab Phasen, in denen viele Emotionen hochkamen und sie viel weinte.
Das ist ein Punkt, über den bei Veränderung meiner Meinung nach zu selten gesprochen wird.
Wir stellen uns Transformation gerne wunderschön vor.
Altes loslassen.
Neues Leben.
Freiheit.
Leichtigkeit.
Nur kann Loslassen zunächst bedeuten, dass wir etwas berühren, das wir lange nicht berühren wollten.
Selbst ein schmerzhafter Zustand kann vertraut sein.
Und Vertrautheit kann sich paradoxerweise sicherer anfühlen als etwas Neues.
Nicht weil der alte Zustand gut ist.
Sondern weil wir ihn kennen.
Einige Zeit später sprach ich erneut mit meiner Klientin.
Und genau hier wurde die Veränderung sichtbar.
Sie erzählte mir, dass sie inzwischen mit ihren Nachbarn im Aufzug steht.
Sie schaut ihnen in die Augen.
Sie sagt Hallo.
Sie beginnt Gespräche.
Auch ihre Begegnungen mit anderen Menschen im Alltag und bei der Arbeit hatten sich verändert.
Das Spannende daran:
Der Aufzug war noch derselbe.
Die Nachbarn waren nicht plötzlich ausgetauscht worden.
Die Welt hatte sich nicht über Nacht in einen freundlicheren Ort verwandelt.
Aber die Art, wie sie dieser Welt begegnete, hatte sich verändert.
Und dadurch entstanden andere Begegnungen.
Genau deshalb sehe ich Wut nicht automatisch als das eigentliche Problem.
Wut kann ein Signal sein.
Ein Lautsprecher.
Etwas in uns reagiert.
Und bevor wir diesen Lautsprecher einfach leiser drehen, können wir uns fragen:
Worauf macht er mich eigentlich aufmerksam?
Das bedeutet nicht, Wutausbrüche zu rechtfertigen oder Verantwortung für das eigene Verhalten abzugeben.
Es bedeutet vielmehr, Verantwortung an einer anderen Stelle zu übernehmen.
Nicht nur für die Reaktion.
Sondern auch für die Bereitschaft, sich anzuschauen, was dahinterliegt.
Denn vielleicht brauchst du nicht noch eine bessere Methode, um deine Wut wegzudrücken.
Vielleicht lohnt es sich herauszufinden, weshalb dein inneres System überhaupt so laut werden muss.
Weg vom Symptom. Hin zur Ursache.
Und manchmal verändert sich genau dort nicht nur deine Reaktion auf das Leben.
Sondern die Art, wie du das Leben überhaupt wahrnimmst.
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